Teil 6 - Kratzenstein // "Randau - Gut und Dorf in Vorzeit und Gegenwart" von Max Hennige

Akkorde in Moll eröffnen und geleiten diesen Abschnitt. Kretschmar ist tot. Andreas Bürger aus Halberstadt sein für uns ziemlich unbedeutender Nachfolger. Seit 1686 verwaltet -wenn man es so nennen darf – Henning Theophil Matthaei das Pfarramt. „Dieser ist endlich removiret, nachdem er die Pfarre über Jahr und Tag verlassen hat.“ Er hinterläßt uns als trauriges Andenken eine betrübende Nachricht: „In diesen 1687sten jahre auf den andern Pfingsttag ist durch eine entstandene Feuerßbrunst (so vermuthlich von Speckbraten, oder aber daß der Sohn in Rindtorfs hause mit eine Schlüssel Büchse inß Dach geschossen, außkommen) die Pfarrwohnung nebst Scheune und Stelle und drei anderen gemeinen wohnhäusern mit 2 persohnen jämmerlich verbrandt: Welches Ursach, daß in diesem jahre die Communicanty getaufte Verstorbene etc. nicht mögen alle in buche verzeichnet bleiben, und am 1. jahres Tage deß 88sten jahreß abgelesen werden weil daß Kirchen Buch darin solcheß beschrieben war mit verbrandt worden.“

Leider ist dies nicht das einzige Mal, daß uns Schicksals Macht oder Unachtsamkeit und Fahrlässigkeit um manch wichtige Aufzeichnung aus Vorväter Zeit gebracht haben.

So gehen also elf Jahre dahin ohne die nötigste Ordnung, ohne einen tüchtigen beratenden Leiter der Gemeinde. Endlich 1694 rafft sich das Patronat auf,

„damit das verledigte Pfar Ampt wieder mit einem tüchtigen subjecto möchte bestellet werden“, und beruft einen Mann, aus rechtem Holz geschnitzt, einen sorgenden und streitbaren Diener des Herrn. „Anno 1694 Dom. 14. P. Trinit. habe Ich, Johann Georg Kratzenstein alhier zu Randau die ProbPrädigt gehalten, darauff von der Wohlgebohrenen Frau Catharina Margaretha von Pfulin die Vocation erhalten, den 20. Sept. ai. 1694 zu Halle in Consistorio examiniret, den 21. Eius ordiniret und den 9ten october introduciret worden; Mein Gott stehe mir bey undt wende nicht von mir seine Gnade in Christo Jesu Amen!“

Von Kratzenstein hören wir zunächst einiges über die innere Einrichtung der Kirche:

„Anno 1699 d. 30. October ist das Wüste Chor (Westchor?) in unserer Kirche aus zubauen angefangen und d. 14. Novembris a. c. verfertiget worden.“ Es schenkten etwas dazu Meister Peter Bodenberg, Peter und Hans Michel, Jürgen Bodenberg und Andreas Hoyer. „Auf diesem  Chor hatt die erste Stelle neben dem Schulmeister (1) Hanß Blumenthal (2) Matthiß Alheidt (3) Oßwald Borges (4) Nikolaus Vogt (5) Joachim Borges, deren jeder einen thlr. gegeben. Der abgetheilte Stuel gehöret zu Bösens Hoffe, dafür Böse gegeben 3 thlr.

„Ao. 1699 Dom. 13. p. Trinit. sagt Jacob Rintorff in gegenwart Bartholomeus Bösens, Andreas Kretschmars, und Christian Vogts auf sein Gewissen aus, daß bey theilung der Weiberstühle der erste und vorderste zu der Pfarre geleget, die andern beyden aber dem Adelichen Hoffe blieben seyn, zur Nachricht.“

Doch den trockenen Ton und Ernst dieses Kapitels würze auch einmal ein frischer Humor:

„Anno 1699 In der fastnachts Woche von 20. bis 23. Febr. inclus. Ist der Pallisaten Zaun von den Kirchhoff an die Gasse von Kirchhoffthor bis an des Schulmeisters Hauß gesezzet durch Christian Vogten p. t. Kirchv. und Jürgen Hoyern. Das Holz Ist dem Kirchenholze auf Kosten der Kirche gehauen worden; der alte Zaun ist nach und Nach gestohlen worden; Ein jeder nehme das seine wohl in acht; man greift hier gerne zu.“

Weit reizvoller ist eine entrüstete Abhandlung über „die Mahlzeit auf die hohen Fest Tage“:

 „Wie pag 9 et 10 zu ersehen, daß der Autor dieses Kirchen Buches durch unterschiedliche recommendationes Ein herlich Zeugniß seiner dexterität bey gebracht, so ist auch seine Nachricht , die er in diesem Kirchen Buche, als Ein rechtschaffender Mann hinterlassen, wohl zu attendiren.

Die Mahlzeit auf die hohen Fest-Tage, so der Prediger Finit. Conc. Haben sollte, ist zwar bisher nicht gegeben worden, doch kan sie nicht geweigert werden, wan sie sollte begehret werden, wie wohl es rühmlicher wäre, daß man den Prediger selbst dazu invitierte, den sich sonsten Ein Prediger wohl bedenkt, daß Er von Einem mit wiederwillen Eine Mahlzeit begehren solte, bisher hätte es der Pachter des Adel. Hauses Meister Peter Bodenberg als Ein reicher Mann wohl thun können, und würde Ihm wenig Schaden gethan haben, wan Er jährlich seinen Beicht-Vater Ein paar Mahlzeiten gegeben hätte, wirdts hinkünfftig geschehen, so soll es zu steten Ruhm ferner notiret werden, solte es aber etwa per mandatum Consistorii wieder Eingeführet werden, so würde es um so weniger rühmlich sein. not. Ao. 1702 d. 27. Martii.

Ao. 1704 habe ich an den Herrn von Walchhausen geschrieiben wegen der bey meiner Zeit restirenden Mahlzeiten von 10 Jahren, 15 rh. liquidiert, und daß solche künftig gewehret würden ansuchung gethan; ob nun wohl darauf noch nichts erfolget, so habe Ich doch himit meinen Herren Sucessores in professione erhalten wollen, solche Mahlzeit zu fordern, die ihnen auch, wenn es ferner gesuchet wird, abgesprochen werden.“

Bedauerlicherweise schließt jetzt Kratzenstein seine Aufzeichnungen:

 „Anno 1708 d. 16. Martii habe ich, Johann Georg Kratzenstein, valediziert, nach dem Ich mich zu dem Königl. Preuß. Und Anhalt dessauischen Regiment in italien zum Feld prediger bestellen lassen. Gott bewahre meinen Gemeinde vor allen gefährlichen Zufällen Leibes und der Seelen, Segne Sie mit zeitlichen und himmlischen gütern, versorge Sie wieder mit einem lehrer nach seinem Herzen, der sie leite nach Gottes Recht, daß Sie mit Ehren aufgenommen, und ewig Seelig werden. Mein Gott gedenke auch meiner in besten!“

Harmlos klingt dieser Satz. Was Kratzenstein hier nicht sagt, schreibt er jedoch an das Konsistorium. Da spricht er von Randau, wo er sich hat

„kümmerlich durchbringen müssen, und was auch am meisten gekränket, so gar wenige Handreichung von denen sogenannten Patronen genießen können.“ So will er denn lieber den Dienst im Felde verrichten, „denn ich kann mich nicht persuediren lassen, daß mir ein härter tractament könne gebothen werden, als ich hiesiges orts genossen, davon mir ein gut theil mit auf den weg gegeben, aber dagegen auch nicht ein geringes gemüthe herzlicher Seuffzer zurückgelassen worden, in massen, das ich bey meinen Antritt, auf boden, in Scheuer und Ställen, auf Wiesen und Acker das geringste nicht gefunden, meine bisher geneigten Patroni nicht zu fördern seyn, daß ich dem Successori 1 Wispel Ackern, und an wiese wachs und holz bey 20 rthlr. Wehrt stehen lasssen, sondern über dieß mich so nacket aus zu zihen gedenken, daß ich auch, ob ich gleich meine meisten mobilia verkaufet, dennoch meine Creditores nicht befriedigen kan, da ich doch wie der bekante Zustand des Ortes bezeugen kan, nohtwendig öffteres leihen und borgen müssen, wenn ich mir und den Meinen nohtdürfftigen unterhalt schaffen wollen, Ich wolte mehr davon eröffnen, allein das so viele Falschheit an denen izigen Patronen erkante Herz ist gleich izo so beklemmet, daß Ich zu weitläuffiger Vorstellung nicht capabel bin.“

(Kgl. Staatsarchiv zu Magdeburg, Rep. A. 12. Spec. Randau I.)

Der Zeit des Aufblühens unter Kretschmar sind somit schnell die Jahre der Gleichgültigkeit gefolgt, Jahre, die dem Chronisten ebenso wenig Freude bereiten wie denen, welche in ihnen und unter ihnen zu leiden hatten. Das nächste Vierteljahrhundert wird von den Pastoren Linde, Vogel, Becker und Solbrig ausgefüllt. Sie haben durch nichts versucht, sich unsere Gunst zu erwerben.

Wie der stete Wechsel zwischen Tag und Nacht, zwischen Winter und Sommer muten uns Werke und Persönlichkeiten der Pfarrherren an. Nach den rauhen Stürmen des großen Krieges sie wärmende Sonne, die alles wieder wachsen und neu erstehen läßt.

Nach trägen Julitagen eine letztes, trügendes Aufleben, und ohne Verstehen für die Pracht des Sommers zerzaust der Herbst das Geschaffene wieder und bahnt dem Winter das Feld für gleichmäßige Oede und Leere. Bis einst ein neuer Frühling den erwachenden Fluren lacht und mit seinem fröhlichen Singen und Klingen auch in den Herzen der Menschen wonnigen Wiederhall weckt.