Teil 5 - Kretschmar // "Randau - Gut und Dorf in Vorzeit und Gegenwart" von Max Hennige

„Darauss so will ich kürzlich erzehlen, wan, wie und von wem Ich, der dieses alles geschrieben, vocieret worden. Nach dem mein Sehliger Vorfahrer Johannes Bosselius Magdeburgensis, welcher Anno 1611, von HochEhrwirdigen, HochEdlen, Gestrengen undt Westen Herrn Cunone von Alvensleben, Domherrn zu Magdeburg, unde uf Calbe und Randau Erbgesessen, zum prediger vociert, und den 18. Juny introduciert worden, selig im Herrn Anno 1623 den 7. Augusti zwischen 8 und 9 uhr vormittag entschlaffen, habe Ich uf begehren der nachgelassenen Wittwen Frau Catharina Nachtigal am Sontage Septuagesima Anno 1624 eine Predigt zu Randau abgelegett, unde weil Ich hie Gottes wunderliche Schickung gespürett, mit predigen fortgefahren, biß Ich auff intercession und commendation des Ehrwürdigen, Groß Achtbaren und Hochgelehrten Herrn Reinhardi Bakii s. s. Theol. Dokt. Unde Dompredigers zu Magdeburgk, so wohl auch auf schriftliche commendation des HochErwürdigen Herrn Rudolphi von B–. damals zu S. Sebastian: iezo aber in hohen Stift Decani, 2c., zur probpredigt admittiret worden, wie Ich dan Anno 1624 Am Sontag Misericorti eine: den Donnerstag hernach aber die andere probpredigt aus dem I. Cor. 15 in gegenwartt unde beysein des HochEhrwürdigen, Hochedlen, Gestrengen unde Wehsten Herrn Cunonis von Alventzleben Canonici Magdeburgensis, und in Calbe unde Randau haeriditarii gehalten, unde von ietzgedachten Herrn die Zusage wegen der Pfarre bekommen, und Sonabendts vor Cantate schrifftlich zum Pfarrer vociert undt beruffen worden. Folgendts den 3 May bin Ich in Dom zu Magdeburgk von dem Ehrwürdigen Ministerio, altz Reinhardo Bakio Dokt. Undt Licentiato Johanne Wintero beiden Dompredigern: desgleichen M. Arnoldo Mengeringo unde Wolfgango Rittern, predigern in der Sudenburgk: desgleichen auch Cunrado Fischero Canonico Lectore in Dom publice examiniret, undt den 4 eiusdem nach Apostolischer weise mit händeauflegung ordiniret: undt den 10 May oder Montags nach Exaudi der Gemeine zu Randau zu ihren Seelsorger vorgestellt worden: da dan bey der Introduction gewesen die Ehrwürdigen, Gros- undt Achtbaren, hoch- unde wohlgelahrten herren Reinhardus Bakius D. undt Domprediger, M. Arnoldus Mengering, Pastor in Suburbio Magdeb. Usculi: Valentinus Langius pastor Cracoviensis et Presteriensis: Salomon Petri Pastor Bechoviensis: und dan an Stat meines hochgeehrten Herrn Patroni Cunonis von Alvensleben Henricus Telamonius Vicarius unde Organist in Dom zu Magdeburgk.

Dieses verhelt sich mit mir also, so wahr als mir Gott helffe, undt meine Testimonia, alß testimonium Vocationis undt testimonium Ordinationis hetten bezeugen können, wen sie nicht neben andern testimoniis, so ich von vornehmer Schuelen Rectoribus, alß M. Michaele Kuhnio Scholae patriae Schlacco Werdensis Rectore, M. Josepho Gözio Scholae Magdeb. Rectore, M. Paulo Müllero Scholae Iglaviensis in Moravia Rectore, M. Johanne Kotzibuvio Scholae Quedlinburgensis Rectore bekommen, in incendio Magdeburgensi Anno 1631 verbrand weren zusamt denen Testimoniis, so Ich in Depositione zu Leipzig Ao 1612, unde in Inscriptione vel Immatriculatione zu Wittenberg Anno 1620 bekommen. Scripsi haec Anno 1651, die 7 Februarii.“

 Johannes Kretschmar, Pastor von Randau zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, hat sich somit den Lesern gebührend vorgestellt und wird nun fortlaufend die wichtigeren Ereignisse und Zustände in der Gemeinde berichten. Zunächst noch eine Bemerkung aus dem Jahre 1624, die beredt Zeugnis gibt, mit welch geringem Arbeitslohn die Leute damals zufrieden waren:

„Den Dam, welcher von der mönchspfütze an biß an die Baumgarten breite gehet, ist die Kirchen zu bessern schuldig, inmaßen die Einwohner zu Randau solchen Dam Anno 1624 gebessert dafür, daß sie ein Kurz fas bier von der Kirchen bekommen hatten.“ 

Die nächste Mitteilung deutet auf den allerdings ziemlich verzögerten Neubau der 1631 zerstörten Pfarre hin:

„Nechst bey dem dorff, nemlich im Göps, stehen etliche eichen beume, zwischen zweyen Dämmen von der Kirchen an diss auff den alten Müllenbergk, so auch der Kirchen gehören, da von itzt Anno 1650 etliche zur erbauung des Pfarhauses verkauffet worden.“

Man glaubt nun eigentlich bald die Nachricht der Vollendung zu finden. Jedoch erst vier Jahre später heißt es:

„Anno 1654 den 6 July bin Ich Johannes Kretschmar anitzo Pfarrer in daß neu erbaute Pfarrhaus, so anno 1650 zu bauen angefangen, unde den 9 Decembris dieses Jahres aufgerichtett worden, eingezogen. Deus custodiat introitum et exitum nostrum!“

Noch in seiner Kriegswohnung oben auf dem Schlosse ) des Patrons beginnt Kretschmar also zu schreiben, was uns neuen Menschen jetzt so wichtig und wissenswert erscheint. Die Kirche und ihr von kaiserlichen Scharen stark „mitgenommener“ Besitzt liegt ihm am meisten am Herzen:

„Kirchen-Ornat undt andere mobilia oder bewegliche güter der Kirchen betreffent, sindt anitzo vorhanden ein klein silbern Kelch sampt der patina übergüldet, undt ein zinnern Kelch. Es sindt auch zwey Meßgewandt, eines von Sammet, das andre von Zeug: Item ein Altar tuch von Leinwandt: Undt lieget auf dem Altar die Mantzfeldische Kirchen Agenda, so itzo an statt der Wittenbergischen, welche im vergangenen kriege von den Soldaten geraubet worden, gebrauchet wirdt.“

Randau ist noch heute im glücklichen Besitze des hier erwähnten Abendmahlskelches. Seine Entstehung wird auf die Zeit von 1490 bis 1510 zurückgeführt. Eine prächtige Aufnahme des Herrn Hofphotographen Fendius-Magdeburg führt den Lesern dieses Kleinod unserer Kirche vor. Der weit ausladende Fuß des Kelches ist auf gehämmertem Silber stark vergoldet und zeigt am äußeren Rande ein sorgsam graviertes Ornamentband, das sich unter und über dem Knaufe in breiteren Formen wiederholt. Unter einer segnenden Hand schlingt sich über die Oberfläche des Fußes in malerischen Windungen ein Spruchband mit der lateinischen Inschrift:

Hanc calicem dedit. Dom. Wipr. quam non vendet; orate pro eo et uxore sua Mechtilda 

zu Deutsch: Diesen Kelch stiftete Herr Wipr. zu unverkäuflichem Eigentum; betet für ihn und seine Gattin Mechtildis.

In diesem Herrn Wipr. erkennen wir nach einer im Kgl. Staatsarchiv zu Magdeburg vorhandenen Notiz (Wohlbrück A XXIX, 2. Bd., 2, S. 267) wahrscheinlich jenen Wiprecht von Zerbst, dessen Tochter Anna die Gattin Ludolfs von Alvensleben (gest. 1552), also in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Patronatsherrin von Randau war. Den von Ornamentbändern umgebenen Knauf ziert naturalistisches Pflanzenwerk. Das zierliche Gerank ist prächtig erhalten. Am Rande trägt er in goldener Treibarbeit fünf gleichmäßig verteilte Quadrate mit den Symbolen Jesu (Lamm mit Siegesfahne) und der vier Evangelisten (Mensch, Löwe, Stier, Adler), die Vertiefungen sind mit rotem Glasfluß ausgegossen. Ueber dem Fuße erhebt sich die feine, flache, fast biegsame Kuppa aus lauterem Golde. Kein Wunder, daß ein deutsches Museum, dem der Ortspfarrer dieses Juwel zeigte, den Wert des Kunstwerkes schon jetzt auf 3000 Mark schätzte. Wenn auch gesetzliche Bestimmungen einer leichtfertigen Veräußerung von Altertümern seitens der kirchlichen Gemeinde und ihrer Vertreter einen heilsamen Riegel vorschieben, so eröffnet sich doch für unserer an chronischem Geldmangel leidende Kirchenkasse bei einem außerordentlichen Notstande einer hoffentlich fernen Zukunft die begründete Aussicht auf eine ergiebige Einnahmequelle. 

 

Denn wenn Museen schon 3000 Mark für diese kirchliche Seltenheit bieten, werden Liebhaber (–und deren gibt es im In- und Auslande eine große Menge–) leicht ein Mehrfaches dieser Summe zu zahlen gern erbötig sein. Um nicht andere Liebhaber, die das sechste Gebot nicht kennen, in Versuchung zu führen, wird der Kelch in Magdeburg an einem sicheren Ort aufbewahrt. 

Heute ist in der Randauer Kirche ein aus dem Jahre 1678 stammender Kelch in Gebrauch, dessen Stiftungsvermerk der Leser weiter unten findet. –Doch nun zurück zum Jahre 1651. 

„Folget, was des Pfarrers besoldung und ein Kunfften seindt. Das Pfarrhause sampt dar zu gehöriger Scheune und ställen ist zum theil von Keyserlichen Kriegsvölckern Anno 1631 bey belagerung der Stadt Magdeburgk: zum theil von Schwedischen Völckern biß auf den grundt abgerissen worden, so wohl als andere hauser im Dorffe: darumb der Pfarrer Johannes Kretschmar von Anno 1633 bis Anno 1654 seine Wohnung auf des HochEdlen Junckern Christian Ernst von Alvensleben sehr ruinierten hause gehabt: Es sindt in diesen itztgedachten Jahren die praeparatoria zu aufferbauung eines Pfarrhauses gemacht, wie den dasselbe im ausgang des Jahres ist gerichtet worden.

Des Pfarrers besoldung aber beruhet auf den ackerbau wiesewachs undt hölzung.

Den Acker muß der Pfarrer selbst bestellen, oder umb belohnung bestellen lassen. Es ist aber gar geringer Acker: den etlicher undt zwar der meiste ist sandicht, darauf in langwiriger dürre die Saat leichlich verscheinet, das man kaum das ausgeseete Korn wiederbekömpt: etlicher, so niedrig lieget, ist unbendig, darauf das getreyde versauert, undt mit unkraut bewechset, sonderlich so es viel regnet, wie die erfahrung bezeuget, undt so aller acker zur Pfar gehörig beseet wird, erstrecket sich die auß Saat auf zwey wispel undt 9 Scheffel Schönebeckisches maaßes oder etwas darüber.

Die Wiesen belangendt kan der Pfarrer, so daß gras wohlgereht etlich zwanzig gute fuder heu einsamlen, da doch vor alters die Zahl höher kommen ist.

Bey etlichen Acker undt wiesen stehet auch holz, welches der Pfarrer abhauen zu lassen macht hatt, daß er zu seinem nutzen verkauffen mag jährlich ohne gefehr zwei sechzig bundtholz: das sechzig für 7 Thlr 9gg: daß fuhr- undt holzhauerlohn ausgeschlossen: da doch Anno 1624 undt zu vohr ein Sechzig hat können verkauffet werden für 24 oder 25 thaler, daß fuhr- undt holzhauerlohn mit eingeschlossen. Man gibt aber izunde für ein sechzig bundtholz zu hauen 5 thlr 15 gg an zu führen aber 5 Ethyl.

Andere Accidentia sindt nachfolgende: Von einem schlechten funere bekömpt der Pfarrer 3 gg. So aber ein psalm vor der thür gesungen wirdt 4 gg. So vor dem altar ein kurtzer leich Sermon geschicht 12 gg, undt für den gang undt gesang 6 gg. für eine leichtpredigt 1 thlr, dem gang ausgeschlossen. Von einem Kindttauffen bekömpt der Pfarrer 3 gg, Von eine copulation 12 gg. Item von das aufbieten 5 gg. Wenn es ein frembder, und nicht bauer oder Einwohner ist 1 thlr. Beichtgeld gibt iedes beichtkindt nach seinem vermögen und guten willen 1 gg oder 6 pf.

Ufs neue Jahr undt Ostern gibt ein jeder einwohner 2 gg: Von den beyden Ackerhöffen so sie bewohnet werden gebühret dem Pfarrer 1 brodt und wurst zum neuen jahr: Ein brodt und etliche Eye uf Ostern. Ein hausgenoß gibtt halb so viel als ein Einwohner.

Alle Jahre ufs Osterfest bekömpt der Pfarrer von der kirchen ein new Lägel mit ein maß wein gefüllet, davon muß er soviel wein geben, als ufs fest zur Communion von nöthen ist. (Oder bekömpt dafür 6 gg.)“

 Diese Seiten der Ueberlieferung fanden hier fast ungekürzt Platz, um dem Leser einmal ein leidlich klares Bild von Besoldung und Intraden jener Zeit zu geben. Wie wir sahen, hatt der Patronus die Stelle in der Hauptsache mit liegenden Gütern ausgestattet. Nach den Worten des Pastors war das fruchttragende Land allerdings nicht vom besteh ausgewählt. Daß der Pfarrherr neben den Sorgen und Bebauung und Ernte auch geistliche Amtspflichten genug hatte, zeigen die Visitationsprotokolle des Jahres 1651. Wir erfahren, daß er jeden Sonntag in Randau und Pechau – das er ad interim verwaltete – ein Predigt halten mußte. Die Calenberger gingen nach Randau zur Kirche. Calenberge war eine von den drei filiis Randaus, doch war es jetzt gerade von seiner Mutterkirche weggekommen. Kretschmar hatte sich zwar darüber beschwert, aber der Abt von Kloster Berge hatte vorgegeben, er wisse ebenso wenig davon wie der Pfarrer selbst. 1687 findet sich Calenberge dann als filia von Pechau. Heute ist es wieder selbstständig unter dem Patronat des Klosters Berge, doch ist es leicht möglich, daß nach einem Ableben des jetzigen Pastors die Stelle nicht neue besetzt wird, sondern Pastor Randawiensis wieder in professione parochiali eingesetzt wird.

„Anno 1663 sind die Männerstuele gemacht worden, wann ein Todesfall geschicht, muß Ein stuel umb 6 gg wiedergelöset werden. Anno 1677 sind die Weiberstuele mit Consens des Hoch/Edelgebohrnen Hl. Christian Ernst von Alvensleben als Kirchen-Patroni und des Pfarrers von der Kirchen Einnahme gebauet worden; Eine Stelle muß nach dem Todesfall mit 6 gg wieder gelöset werden.

Anno 1675 hat erwehnter Patronus unser Kirchen die Lüneburgische Biebel, Gott zu Ehren und zu seinem gedächtnus, verehret.

Anno 1676 hat die Hochadl. Frau von Alvensleben Ein weißes Altar Tuch: Item Ein blau Taffend Altar Tuch unser Kirchen Gott zu Ehren und zu Ihrem gedächtnus verehret.

Anno 1677 hat die Hochadl. Frau Hauptmannin von Kottwitz Ein blau Taffend Tuch umb den Tauffstein: Item

Anno 1678 Einen Silbernen Kelch sampt der patina, so übergüldet: Imgleichen 2 Rothe Taffende Tücher, so die Kirchväter bey der Communion halten müssen: und Ein weißes Tüchlein, worauf due Kelche gesetzet werden, verehret, Gott vergelte es Ihnen reichlich wieder.“

Noch eine ganze Reihe anderer Stiftungen werden angeführt, die ein gutes Zeugnis für den kirchlichen Sinn und die Opferwilligkeit der Bevölkerung ablegen und vermuten lassen, daß es damals in unserm Kirchlein recht nett ausgesehen hat. Die letzte Eintragung von Kretschmars Hand stammt aus dem Jahre 1683.

Wann er stirbt, ist nicht zu ersehen. Jedenfalls verfügt Christian Ernst von Alvensleben noch bei Lebzeiten des Pfarrers über die Stelle, „da Ihme seine memoria von Tage zu Tage immermehr abnimbt, derselbe auch absonderlich gebethen, weil Er Seinen ampte zu Randau nicht länger vorstehen könte“. Sein Nachfolger bat ihm den Unterhalt zu reichen und tritt erst nach seinem Tode in die vollen Rechte des Pfarrherrn ein.

Fast sechzig Jahre hat Kretschmar seines Amtes bei uns gewaltet, hat die bedeutsame Zeit des dreißigjährigen Krieges in unserer Gemeinde erlebt und nach der allgemeinen Verwüstung an der Aufrichtung aus Schutt und Asche teilgenommen. Das Dorf wird ihm viel zu danken haben. Von dem Gedächtnis der Nachwelt vergessen zu werden, davor bewahrte ihn, was er in fleißigen Stunden heut längst vergilbten Papieren anvertraute.