Teil 7 - Münnich

Der Frühling kam. Lenz und Sommer leuchteten wieder. Ein neues Gestirn erstand uns, das Morgen und Abend jeder Zeit sah, da Friedrich der Große die Größe Preußens festigte in harten Kämpfen gegen den neidischen brüderlichen Nachbar.

Johann Samuel Münnich aus Belleben tritt im Jahre 1733 in den Dienst der Gemeinde Randau, der er nun über vierzig Sommer in treuer Arbeit und fürsorglichem Schaffen angehört. Er ist der letzte jener fleißigen Männer, die dem Kirchenbuche von Leben und Leiden der ihnen anvertrauten Bevölkerung erzählten. Nach seinem Tode müssen wir uns mit trockenen Zahlen begnügen.

Pastor Münnich gibt uns besonders einige wichtige Mitteilungen über den Ausbau und die Ausschmückung der Kirche. Wie erinnerlich, wurde ein Gotteshaus von Andreas von Alvensleben im Jahre 1558 erbaut. Sein Aussehen ist unbekannt. Wahrscheinlich stand das Hauptgebäude noch im Jahre 1735 auf denselben Grundmauern wie das alte. Innerlich war die Kirche bei Zerstörung des Dorfes 1631 stark verwüstet worden. Ein etwa schon vorhandener Turm wird der Vernichtung kaum entgangen sein. Das eigentliche Kirchenschiff wurde nun nach und nach wieder aufgebaut oder ausgebessert. Zu einem Turm fehlten wohl die Mittel, und so errichtete man ihn erst jetzt:

„Anno 1735 ist der Kirchenthurm auf die Kirche gesezet, welcher auf 200 rh. Gekostet, ohne das Holz welches aus dem Kirchen Holze genommen wurde. Patronus, der Geh. Staats Rath Anton Rudolph von Alvensleben, schenkete anfängl. dazu 30 rh., die Gemeine mußte 50 rh. Auf die Kirchen-wiesen Pacht vorschießen, das übrige trug das Kirchen aerarium und da das nicht zureichete, wurde das übrige von den 200 rh. Genommen, welcher gedachter Patronus bey seinem absterben der Kirche legiert. Es ist gottlob bey diesem gefährl. Bau niemand zu Schaden gekommen. In dem Knopf wurde in einem blechernen Kästlein, eine von zeitigen Pastore Johann Samuel Münnichen verfertigte Nachricht geschrieben beygeleget, worinnen nicht allein von dem Zustande dieser Gemeine, mit Meldung aller Menschen namentl., die damahls hier gelebet, sondern auch von dem zeitigen statu ecclesiasstico politico und oeconomico fruchtbaren und unfruchtbarren Zeiten, Ueberschwemmungen, Hagel Schaden u. d. g. hiesiges orts und Landes umher Anzeige geschiehet. Es wurden auch verschiedene Münzen, welche in hiesigem Lande gang und gebe waren, theils von der Gemeine, theils von Fremden mit hinein geleget. Nach vollbrachten Bau wurde eine Predigt aus I. Reg. VIII, 28-30 Gott zum Preise gehalten. Gott erfülle was damahls gewünschet worden.“

Dieser Turm wird später in einer Notiz des Jahres 1849 nochmals erwähnt, und wir erfahren auch einiges über ihn:

„In früheren Zeiten hatte die Kirche einen 70 Fuß hohen hölzernen Turm mit einer Spitze, welcher teils auf der Balkenlage mit einer Seite auf der 4 Fuß starken Giebelmauer der Abendseite stand.“

Im Jahre 1738 gab es zu dem neuen Kirchturm auch eine neue Uhr. Außer der Kirchenkasse haben sich 58 Stifter an der Deckung der Anschaffungskosten beteiligt.

Die nächste Eintragung des Pastors ist mehr kirchenpolitischer Art:

„Anno 1738 wurden denen Predigern bey Strafe der Cassation von Königl. Majestät in Preußen Friedr. Wilh. Anbefohlen, die Collecten, den Seegen, die Evangelia und Worte der Einsetzung nicht mehr zu singen, sondern zu lesen, auch die Lichter von den Altären, die Priester Röcke Meßgewand pp abzuschaffen. Es wurde auch in ganzen Lande eine general Visitation durch den Praesidenten Reichenbachen bey denen Predigern gehalten, welches mit hiesiger inspection in Dohm zu Magdeb. in gegenwart unzähliger Menge Volks öffentl. Geschehen, dabey mancher rechtschaffender Prediger einen harten Stand hatte, manche Schuldige aber gingen frey aus. Verschiedene ließen sich lieber absezen als daß sie das Singen unterlassen wolten.“

„Anno 1740 starb der König Friedrich Wilhelm an der Wassersucht d. 31. Maji und der Kronprinz Friedrich wurde d. 2ten Aug. gehuldiget. In der Dohm Kirche zu Magdeb. wurde zu dem Ende eine Huldigungspredigt gehalten, bey welcher wieder abgesungen, Lichter aufm Altar gesezet, Priester Röcke angezogen, und alle Ceremonii wieder hergestellet, die kurz zu vor verboten wurden, so daß sie ein jeder bey zu behalten oder weg zu lassen Freyheit hatte. Dieser Befehl wurde uns bald darauf auch communicieret, und ist in unserer Kirche Dom VIII. Trinit. auch wieder der Anfang gemachet worden mit Absingen, Lichter aufm Altare anzünden u. d. g. nach dem solches 3 ganzer Jahre vorher hatte unterbleiben müssen. Gott stehet immer noch seiner Kirche bey.“

 

Hiermit schließen zunächst die Aufzeichnungen. Auf der nächsten beschriebenen Seite beginnen die Rechnungen der Kirchenkasse unter der Ueberschrift: „Einnahme der Kirchen zu Randaw Vor Zeiten zu unser lieben Frauen genannt.“ Woher diese Benennung stammt, ist nicht zu ersehen. Sie findet sich nur hier. Auch der an anderer Stelle erwähnte Name Sophien-Kirche wird nicht weiter erklärt, doch kann als sicher gelten, daß er auf eine Patronatsherrin Sophie von Alvensleben zurückzuführen ist.

Hundertundachtzig Doppelseiten des Kirchenbuches dürfen wir jetzt fast ganz überschlagen. Nur eine ganz lustige Plänkelei fällt beim Durchblättern in die Augen. Da steht nämlich ein paar Mal die Bemerkung: „Zum wein und besen 2gg 6 pf. Zum wein und glockenfett 3 gg 6 pf. Zum wein, oblaten und glockenfettt 4 gg.“ Darunter die Worte eines entrüsteten Seelsorgers: „Ein schlechter Verstand vom Prediger, der Wein, oblaten und Klockenfet zusammen setzt.“ Worauf ein anderer erwidert: „Der Verstand ist auch schlecht sich über unschuldige Sachen der verstorbenen Vorfahren zu monieren.“

 Nach langen Zahlenreihen taucht endlich wieder ein Abschnitt „Memorabilia“ auf, der die Bemerkungen über den Ausbau der Kirche fortsetzt.

 „Anno 1746 Wurde die ganze Kirche, die zuvor mit allerley gemählden gezieret war, durch und durch inwendig renoviret, Kanzel, welche sonsten erhöhet stande und altar, nebst dem Herrschaftl. Stule, wie auch die sämtl. andern Kirch Stühle, und communicanten Stühle neue gemacht, wie auch eine neue Sacristey erbauet. Der Patronus hat nebst seinem Stuhle, vor sich nichts weiter behalten, als die nächsten 3 Weiber Stühle, und die Abseite hinter seinem Stuhle, vor seine bedienten, Knechte und Mägde, die übrigen sollen alle der Kirchen zum besten verlöset werden, außer der vergitterte Stuhl vor der Sacristey, vor des Predigers Kinder und Freunde wie auch dessen und des Schulmeisters Weiberstühle.“

„Anno 1743 ist die alte Orgel von Gottersleben reparirt und hierher gesetzt worden, wovor der Orgelmacher Hartman 260 rh. bekommen. d. 14. Jul. das erste mahl gespielet.“

„Dad samtene Altar Tuch hat Patronus von Hannover geschicket und der Kirche verehret. Des Försters Degeners Hof aber hat den Taufstein bekleidet, und Joh. Mich. Koch den neuen geschenket.“

So bieten sich in diesen Sätzen noch einige Bausteine, die das Bild unseres Gotteshauses aus der Mitte des 18. Jahrhunderts vervollständigen. Die Seiten des Kirchenbuches schließen jetzt ihren papierenen Mund. Nur Zahlen sprechen noch zu uns und die sagen uns selten viel Interessantes. Vielleicht die eine, daß Münnich in seiner 41 jährigen Amtstätigkeit in Randau 349 Kinder getauft hat, daß also mehr als zwei Generationen neben ihm dahingestorben sind. Denn 1789 zählte Randau 142 Seelen.

Am 2. November 1774 ruft der Tod ihn von seinem irdischen Dienst ab. Seine Ruhestätte schmückt die Außenseite der Kirche. Sein Grabstein – in die Wand eingelassen – gibt dort Kunde, von seinem Leben:

„Alhier ruhen und hoffen auf einer frölichen Auferstehung zwei Eheleute der Hochwohl/Ehrwürdige u. Hochgelahrte Herr Johann Samuel Münnich weil. Herrn Mag. Joh. Andr. Münnichs Treufleissigen Pastoris zu Belleben in Magdeb. dritter Sohn, von welchen Er daselbst 1701 d. 10. Jul geb. Studirete zu Quedlinburg u. Halle, wurde beruffen zum Con-Rectore nach Calbe an der Saale 1725 d. 18ten Apr. Zum Schloß Prediger daselbst 1730 d. 7. Jan. Zum Pastore hieher nach Randau d. 26. Jun. 1733. Und die Hoch/Edle und Tugendbelobte Fr. Maria Sophia Bornemannin weil. Herrn Heinrich Jeremias Bornemanns, best Meritirt gewesenen Diaconi in Schönebeck Tochter. Beyde verheyrateten sich Ao. 1737 d. 7. May. Erzeugeten mit einander in einer dauerhaften Und gesegneten Ehe 10 Söhne und Töchter wovon 6 Söhne und 1 Tochter ihnen in die ewigkeit voran gegangen. Er starb 1774 d. 12. Nov. Seines Alters 73 Jahre 4 Mon. 3 Tage. Sie starb 1782 d. 8 Nov. Ihres Alters 62 Jahre 10 Mon. 3 Tage.“

In schweren Zeiten ist Münnich ein wackerer Kämpe für Kirche und Dorf gewesen. Am Abend einen Weltabschnittes tätig, erlebt er nicht mehr die tiefe Umwälzung und die aus den Trümmern der Revolution erstehende neue Zeit. Und gleich wie jetzt im großen so manches anders wird, auch bei uns im entlegenen Dorf bricht nach kurzer Nacht das Licht eines neuen Tages an.