Renaturierung der „Dornburger Alten Elbe“ – Was war, was ist – was wird?

29.04.2022

Uwe Bierschenk

Renaturierung der „Dornburger Alten Elbe“

Was war, was ist - was wird?

Gewässer ändern ihren Lauf. Das war schon immer so und erst mit dem massiven Eingreifen des Menschen wurden diese natürlichen Eigenschaften der Flüsse gestoppt, die Wasserwege kanalisiert und schiffbar gemacht.

Ein Beispiel dafür ist die sogenannte „Dornburger Alte Elbe“, das längste Altwasser Deutschlands. Vor dem 10. Jahrhundert verlief die Elbe am östlichen Rand des Urstromtals längs eines Höhenzuges von Dornburg nach Hohenwarthe. In den folgenden Jahrhunderten verlagerte sich die Elbe nach Westen Richtung Schönebeck und Magdeburg. Ein zwischenzeitlicher Flusslauf von Ranies über Grünewalde und Randau nach Salbke hat sich als „Dornburger Alte Elbe“ erhalten. Dieser ehemalige Elbarm wurde erst durch die Hochwasserschutzmaßnahmen mit dem Bau des Umflutkanals 1869 von seinem Hauptstrom abgeschnitten und hat danach – als nunmehr stehendes Gewässer – für eine Vielzahl an Pflanzen und Tieren zum Teil einzigartige Lebensräume gebildet. Inzwischen ist die Dornburger Alte Elbe infolge der Abriegelung vom Frischwasserzufluss im Abschnitt ab dem Umflutkanal von Verlandung bedroht. Das drückt sich dann in Zahlen wie folgt aus: wurden 2003 noch 100 bis 120 Tierarten hier festgestellt, waren es 2020 nur noch etwa 50!

Aufhalten der Verlandung

Fortschreitende Verlandung und Austrocknung (1)
(c) Ralf Meyer, BUND Auenzentrum Burg Lenzen

Fortschreitende Verlandung und Austrocknung (1)
(c) Ralf Meyer, BUND Auenzentrum Burg Lenzen

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) setzt sich seit dem Jahr 2010 für die Revitalisierung der Dornburger Alten Elbe ein, um den Verlandungsprozess aufzuhalten. Nachdem das Projekt im Jahr 2010 unter anderem an Fragen der Zuständigkeit scheiterte, unterzeichneten im Frühjahr 2017 die Anlieger-Kommunen Magdeburg, Schönebeck und Salzlandkreis gemeinsam mit Vertretern des Landesbetriebes für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft, des Umweltministeriums, des Biosphärenreservates Mittelelbe und des Unterhaltungsverbandes eine gemeinsame Erklärung zur Revitalisierung der Alten Elbe.

Herr Christian Kunz (Landesgeschäftsführer des BUND Sachsen-Anhalt) und Herr Ralf Meyer (Landesvorsitzende des BUND, zugleich Projektkoordinator im Projektbüro „Rotbauchunke/Dornburger Alte Elbe“ beim Trägerverbund Burg Lenzen e.V.) gaben am 28. April im Bereich des Haberlanddammes im Rahmen eines Projektspazierganges die Informationen zu den neuesten Entwicklungen an die 15 bis 20 Naturfreunde weiter.

In der (neuen) Projektbeschreibung des BUND wurde eine Lösung vorgeschlagen, bei der der abzubaggernde Schlamm zentrifugal in organische und mineralische Bestandteile getrennt wird. Das mit Schwermetallen und Arsen belastete, organische Sediment soll in Containern der abfallrechtlichen Entsorgung zugeführt werden. Der weitaus größere Anteil an mineralischem Sediment (Sand) ist nach der Trennung aus Schadstoffsicht unbedenklich und kann einer weitgehenden Wiederverwertung zugeführt werden.

Belastung mit Arsen

Arsen? Wo kommt das denn her? Die Schwermetallbelastung ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf den Bergbau des 16. Jahrhunderts im Oberlauf der Elbe zurückzuführen und kein Spezifikum der Alten Elbe, sondern im gesamten ehemaligen Überschwemmungsgebiet der Elbe in ähnlicher Höhe nachzuweisen.

Doch nach diesem kleinen Exkurs zurück zu unserem Elbarm.

Nach dem Scheitern des ersten Anlaufs, welcher eine komplette Entschlammung und vollständige Beseitigung der Verlandungen vorsah, wurde eine neue Studie in Auftrag gegeben, welches 2019 vorlag und die geplanten Arbeiten erneut vor Probleme stellte: Die Verlandungen hatten nämlich wiederum völlig neue Biotope für andere Tier- und Pflanzenarten geschaffen. Ein Dilemma, denn einerseits stand die Aufgabe, stark gefährdete Tierarten wie Rotbauchunke, Grüne Mosaikjungfer und Kranich durch Gewässererhaltung zu schützen, zum anderen durften jedoch auch die neu angesiedelten Pflanzen und Tiere in den langsam verlandenden Teilstücken nicht gefährdet werden. Deshalb entschied man sich zu einem Mittelweg: Es werden Teilstücke im (in Torgau bereits praktizierten!) Zentrifugalverfahren (erste Stufe Trennung von Wasser und Schlamm, zwei Stufe Trennung von organischem und mineralischen Sediment) entschlammt und parallel dazu verlandete Abschnitte in ihrer „neuen“ Form belassen.

Planvorhaben Entschlammung
(c) Ingenieurbüro IHC Cottbus

Warum muss denn nun eigentlich überhaupt entschlammt werden? Die Natur stellt ein kompliziertes System dar, bei dem nur minimale Veränderungen teilweise dramatische Wirkung haben. Nehmen wir als Beispiel die Grüne Mosaikjungfer. Sie ist auf das Vorhandensein der Krebsschere (Wasser-Aloe) angewiesen, da sie die Fortpflanzung ausschließlich über diese Schwimmpflanze realisieren kann. Die Krebsschere taucht über den Winter einfach ab, um nicht zu erfrieren, braucht dazu aber eine gewisse Tiefe. Ist die nicht mehr gewährleistet, stirbt sie ab und entzieht im darauffolgenden Jahr somit der Libelle die Fortpflanzungsmöglichkeit. Waren 2019 nur noch wenige Exemplare der Krebsschere zu finden, waren sie bereits 2020 fast völlig verschwunden. Die Folgen sind klar.

Auch für die Kraniche ist die Nachkommenschaft bei Verlandung durch Nesträumer (Fuchs, Waschbär, Wildschwein) in höchster Gefahr.

Artenschutz als oberste Priorität

Nachdem die neue Verfahrensweise nun beschlossen war, tauchte mit der Pandemie ein neues und mit einer notwendigen Kampfmitteluntersuchung ein weiteres Problem auf, welche das zeitliche Konzept erneut auf den Kopf stellte. Noch immer ist zwar unklar, wie die Räumung praktisch erfolgen soll, doch nunmehr sollen die Baumaßnahmen am ersten von drei Teilstücken im September/Oktober im Bereich des Haberlanddammes in der Nähe der Kreisstraße 2112 vor der Haberlandbrücke beginnen. In diesem, etwa sechs Kilometer langen Abschnitt werden vor allem Artenschutzmaßnahmen höchste Priorität besitzen. Dazu gehören die bereits genannten Rotbauchunke (benötigt fischarme Gewässer), Grüne Mosaikjungfer und Kranich (benötigt Röhricht- und Bruchwaldflächen). Für die Letzteren wurde die Problematik der Verlandung weiter oben ja bereits geschildert.

Maßnahmen A, B1 und B2
(c) Ingenieurbüro IHC Cottbus