Rote Listen – Webspinnen und Weberknechte

Die Flechten (Lichenophyta)

Flechten sind besondere Lebensgemeinschaften, die aus zwei Partnern bestehen, die so eng zusammenleben, dass sie wie ein einziger Organismus wirken. Der erste Partner ist ein Pilz. Er bildet den größten Teil des sichtbaren „Flechtenkörpers“ und sorgt unter anderem dafür, dass die Flechte am Untergrund haftet, geschützt ist und Wasser speichern kann. Der zweite Partner ist ein Fotosynthese-Partner (also ein Organismus, der mit Hilfe von Licht Energie erzeugt). In den meisten Fällen ist das eine Grünalge (ungefähr 90 %), seltener ein Cyanobakterium (etwa 10 %). Cyanobakterien sind Bakterien, die ebenfalls Fotosynthese betreiben können.

Diese Zusammenarbeit ist so erfolgreich, weil beide Seiten profitieren: Der Fotosynthese-Partner liefert „Zucker“ bzw. Energie aus der Fotosynthese, der Pilz schafft dafür ein geschütztes Zuhause und sorgt für Feuchtigkeit und Nährstoffaufnahme. Genau dieses Zusammenspiel macht Flechten außergewöhnlich anpassungsfähig. Sie können auf Oberflächen wachsen, auf denen andere Lebewesen kaum zurechtkommen – zum Beispiel auf Baumrinde, Holz, Stein, auf sehr nährstoffarmen Untergründen oder an Orten, an denen es regelmäßig trocken wird.

Was Flechten so besonders macht

Flechten können Leistungen vollbringen, die die Partner allein in dieser Form nicht erreichen würden:

  • Hohe Trockenheits-Toleranz: Viele Flechten können fast vollständig austrocknen und später – wenn wieder Feuchtigkeit vorhanden ist – „weiterleben“.
  • Kälte-Toleranz: Sie kommen auch mit niedrigen Temperaturen zurecht und sind daher in vielen Regionen ganzjährig präsent.
  • Besiedlung extremer Standorte: Von nacktem Gestein bis zu stark verwitterter Rinde – Flechten nutzen viele Nischen.
  • Spezielle Inhaltsstoffe: Flechten bilden besondere chemische Verbindungen. Diese werden oft als sekundäre Flechtenstoffe bezeichnet. „Sekundär“ heißt hier: Es sind keine Stoffe, die direkt „zum Wachsen“ nötig sind, sondern eher Schutz- und Anpassungsstoffe, z. B. gegen starke Sonneneinstrahlung, Fraß oder Mikroorganismen.
Warum Flechten trotzdem empfindlich sind

So robust Flechten in Bezug auf Trockenheit und Kälte sein können – gleichzeitig reagieren sie sehr sensibel auf Veränderungen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Denn das Gleichgewicht zwischen Pilz und Fotosynthese-Partner ist fein abgestimmt. Schon relativ kleine Änderungen können dazu führen, dass Flechten schlechter wachsen, verschwinden oder sich die Artenzusammensetzung verändert.

Wichtige Einflussfaktoren sind zum Beispiel:

  • Luftschadstoffe: Bestimmte Stoffe in der Luft (z. B. aus Verkehr, Industrie oder Landwirtschaft) können Flechten belasten.
  • Nährstoffeinträge: Vor allem zusätzliche Stickstoffeinträge (z. B. durch Ammoniak aus der Landwirtschaft) begünstigen manche Arten stark, während andere verdrängt werden.
  • Lichtverhältnisse: Mehr Schatten (z. B. durch Verbuschung) oder plötzliche starke Sonneneinstrahlung (z. B. durch das Entfernen von Gehölzen) kann Arten verändern oder Bestände schädigen.
  • Luftfeuchtigkeit und Mikroklima: Wenn es langfristig trockener wird oder das lokale Klima sich ändert, kann das empfindliche Arten stark treffen.
Flechten als Bioindikatoren – „Zeiger“ für Umweltbedingungen

Weil Flechten so empfindlich auf Umweltveränderungen reagieren, sind sie wichtige Bioindikatoren. Das bedeutet: An der Vielfalt und am Vorkommen von Flechten lässt sich oft ablesen, wie es um bestimmte Umweltbedingungen steht – zum Beispiel um die Luftqualität oder die Feuchteverhältnisse in einem Gebiet. Eine artenreiche Flechtenflora wird daher häufig als Hinweis auf insgesamt günstige, relativ stabile Bedingungen gesehen.

Rote Liste Sachsen‑Anhalt: was sie zeigt

In Sachsen‑Anhalt dokumentiert die Rote Liste den Gefährdungsstatus von 957 Flechten‑Taxa.
Taxa bedeutet hier: die gezählten Einheiten in der Liste – meist Arten, manchmal auch Unterarten oder Varietäten. In dieser Übersicht wird deutlich, dass viele Flechtenarten selten sind, zurückgehen oder seit langer Zeit nicht mehr nachgewiesen wurden. Das macht Flechten zu einer Organismengruppe, bei der Biotopschutz und langfristige Pflege besonders wichtig sind.

Flechten im Kreuzhorst

Gold-Braunschüsselflechte, (Nyl.) O. Blanco, A.Crespo, Divakar, Essl., D. Hawksw. & Lumbsch 2004

Blattflechtenart, Brodo, I. M., C. Freebury & N. Alfonso. 2013. Notes on the lichens Physcia aipolia and Physcia alnophila in North America. Evansia 30: 110-119

Der Kreuzhorst ist ein Naturschutzgebiet in Sachsen‑Anhalt und beherbergt eine bemerkenswerte Flechtenflora. Dort wurden insgesamt 24 Flechtenarten erfasst, die auf Baumrinde und Holz wachsen (also sogenannte „rinden- und holzbewohnende“ Arten).

Bemerkenswerte Funde

Unter den nachgewiesenen Arten gab es besondere Highlights:

  • Die Gold‑Braunschüsselflechte (Melanelixia subaurifera) wurde als bemerkenswerter Fund hervorgehoben.
  • Außerdem wurde die Blattflechte Physcia aipolia nachgewiesen. Diese Art galt zeitweise als „ausgestorben“, ist inzwischen aber wieder in Sachsen‑Anhalt festgestellt worden. In der Roten Liste Deutschlands wird sie als stark gefährdet eingestuft.
Weitere Arten mit Schutzrelevanz

Zusätzlich wurden im Kreuzhorst weitere Flechtenarten festgestellt, die in Sachsen‑Anhalt teilweise als stark gefährdet gelten, zum Beispiel:

  • Randlose Kuchenflechte (Lecanora symmicta)
  • Hainbuchen‑Kuchenflechte (Lecanora carpinea)
  • Olivgrüne Schwarznapfflechte (Lecidella elaeochroma)

Solche Nachweise zeigen, wie wichtig geeignete Lebensräume sind – besonders Flächen mit alten Bäumen, unterschiedlichen Rindenstrukturen, Totholzanteilen und einem passenden Mikroklima.

Was das für den Schutz bedeutet

Flechten lassen sich am besten schützen, indem man ihre Lebensräume erhält. Dazu gehören vor allem:

  • alte, strukturreiche Baumbestände (verschiedene Baumarten, unterschiedliche Rindenstrukturen),
  • Totholz in verschiedenen Stadien (weil manche Arten daran gebunden sind),
  • stabile Licht- und Feuchteverhältnisse (keine abrupten Veränderungen),
  • sowie eine nachhaltige, langfristige Pflege von Landschaftselementen wie Streuobstwiesen und ihren Gehölzbeständen.

Flechten sind damit nicht nur ökologisch bedeutsam, sondern auch ein wertvoller Bestandteil von Naturbeobachtung und Forschung – und ein sehr „ehrliches“ Frühwarnsystem für Veränderungen in der Umwelt.

Art RL ST
Rote Liste Sachsen-Anhalt
Substrat
Amandinea punctata *R
Candelariella reflexa *R
Cladonia coniocraea *H
Cladonia fimbriata *H
Hypocenomycescalaris *H
Hypogymnia physodes *R, H
Lecanoracarpinea
2
R
Lecanoraconizaeoides*H
Lecanorasymmicta
3
R
Lecidella elaeochroma
2
R
Lepraria incana *R
Massjukiella polycarpa *R
Melanelixia fuliginosa *R
Melanelixia subaurifera
0
R
Micarea denigrata *H
Parmelia sulcata *R
Parmeliopsis ambigua *H
Phaeophyscia orbicularis *R
Physcia adscendens *R
Physcia aipolia
0
R
Physcia tenella *R
Placynthiella icmalea *H
Trapeliopsis flexuosa *R, H
Xanthoria parietina *R

Legende: 0 – Ausgestorben oder verschollen, R – Extrem seltene Arten mit geographischer Restriktion, G – Gefährdung unbekannten Ausmaßes, 1 – Vom Aussterben bedroht, 2 – Stark gefährdet, 3 – Gefährdet, V – Vorwarnliste, * ungefährdet

Substrat: E=Erdboden, Rohhumus, R= Rinde, Borke von Bäumen und Sträuchern, H=Holz, hierzu gehört stehendes/liegendes Totholz, aber auch behandeltes Holz (Jagdstände, Weidezäune etc.), KG =Kalkhaltiges Gestein, eingeschlossen auch anthropogene Materialien, wie Beton und Asbest, SG =Kalkfreies Gestein, sowohl Naturgestein, als auch bearbeitetes
Material wie Marmor-, Sandsteinmauern, S=Sonderstandorte, wie beispielsweise Dachpappe, Plastik (Stromkästen) oder Metall.